Über Männlichkeit, unterdrückte Emotionen und einen Moment mit über 1000 Männern
Neulich lagen wir abends im Bett. Die Kinder waren endlich eingeschlafen, der Tag wurde langsam ruhiger und wir entschieden uns noch für einen Film: Fight Club.
Ich kannte ihn bereits. Zumindest dachte ich das.
Während ich schaute, merkte ich, dass dieser Abend anders wurde als erwartet. Nicht wegen des Films allein, sondern wegen dem, was er in mir ausgelöst hat. Irgendetwas begann sich innerlich zu bewegen. Und plötzlich war ich gedanklich nicht mehr dort bei diesem Film, sondern wieder an einem ganz anderen Ort. Bei einem Event mit mehreren tausend Menschen. Und bei einem Moment, der sich tief in mir eingebrannt hat.
Über 1000 Männer – und ein gemeinsamer Schrei
In diesem Raum waren tausende Menschen. Viele Frauen, viele Männer. Und dann kam die Einladung an die Männer im Saal: Sie sollten gleichzeitig schreien. Nicht kontrolliert, nicht zurückhaltend, sondern aus voller Kraft heraus.
Ich hätte vermutlich vieles erwartet. Lautstärke. Chaos. Vielleicht sogar etwas Aggressives.
Doch genau das war es nicht.
Was dort entstand, war keine bedrohliche Energie. Es war eher das Gefühl, dass sich etwas entlädt, das lange keinen Raum hatte. Dieser Schrei wirkte nicht zerstörerisch, sondern ehrlich und tief. Fast so, als würden all die Dinge, die sonst ständig zurückgehalten werden, für einen kurzen Moment einfach da sein dürfen.
Und genau das hat mich so berührt.
Ich habe körperlich darauf reagiert. Gänsehaut. Tränen in den Augen. Dieses schwer zu beschreibende Gefühl, wenn etwas tief in einem etwas erkennt, bevor der Verstand überhaupt Worte dafür findet.
Denn plötzlich war da etwas, das ich im Alltag nur noch selten wahrnehme: ungefilterte Kraft, die nicht gegen jemanden gerichtet ist.
Zwischen Anpassung und Eskalation
Vielleicht hat mich genau deshalb auch der Film so beschäftigt. Fight Club zeigt für mich zwei Extreme von Männlichkeit. Auf der einen Seite den angepassten Mann, der funktioniert, sich einordnet und innerlich immer leerer wird. Auf der anderen Seite den kompletten Ausbruch – radikal, aggressiv, zerstörerisch.
Und obwohl die Szenen im Film teilweise brutal und schwer auszuhalten sind, geht es darunter um etwas anderes. Um einen Menschen, der völlig den Zugang zu sich selbst verloren hat und verzweifelt versucht, wieder etwas zu spüren.
Während ich den Film schaute, wurde mir bewusst, wie oft wir heute genau zwischen diesen beiden Polen leben. Entweder wir funktionieren und passen uns an, oder Gefühle brechen irgendwann auf eine Weise heraus, die uns selbst erschreckt. Was dabei oft fehlt, ist der gesunde Umgang mit Emotionen. Ein Raum dazwischen. Eine Form von Kraft, die weder unterdrückt noch zerstörerisch ist.
Was ich heute immer häufiger wahrnehme
Ich sage das bewusst achtsam und ohne mit dem Finger auf irgendjemanden zu zeigen. Aber ich habe oft das Gefühl, dass viele Menschen heute nicht wirklich in ihrer Kraft sind. Nicht, weil sie schwach wären. Sondern weil sie nie gelernt haben, wie man mit den eigenen Emotionen wirklich umgeht.
Stattdessen lernen wir früh zu funktionieren. Stark zu sein. Weiterzumachen. Gefühle wegzuschieben, zu kontrollieren oder möglichst schnell wieder „in den Griff“ zu bekommen.
Doch Emotionen verschwinden nicht einfach, nur weil wir sie ignorieren.
Sie suchen sich Wege.
Und manchmal zeigen sie sich genau dort, wo wir versuchen, vor uns selbst wegzulaufen.
Flucht – oder der Versuch, sich selbst wieder zu spüren
Ein Gedanke hat mich in den letzten Jahren immer wieder beschäftigt: Ich glaube, viele Menschen flüchten sich nicht grundlos in bestimmte Dinge. Alkohol, Drogen, Konsum, ständige Ablenkung, Extremsport, Essverhalten oder permanentes Beschäftigtsein – oft steckt darunter etwas viel Tieferes.
Vielleicht geht es gar nicht nur darum, etwas zu betäuben. Vielleicht geht es manchmal auch darum, überhaupt wieder etwas zu fühlen.
Denn wenn wir innerlich leer werden oder den Kontakt zu uns selbst verlieren, entsteht irgendwann diese Sehnsucht nach Intensität. Nach einem Moment, der uns spüren lässt, dass wir noch da sind.
Und gleichzeitig habe ich oft das Gefühl, dass genau diese Dinge uns langfristig noch weiter von uns selbst entfernen.
Und wenn ich ehrlich bin, betrifft das uns alle
Während ich darüber nachgedacht habe, wurde mir klar, dass ich niemanden davon ausnehmen kann. Auch wir Frauen haben unsere Strategien, uns nicht wirklich zu fühlen. Vielleicht wirken sie oft leiser oder gesellschaftlich akzeptierter, aber sie existieren genauso.
Dieses ständige Funktionieren. Immer etwas tun. Immer beschäftigt sein. Gespräche führen, die uns ablenken, aber nicht wirklich verbinden. Sich im Außen verlieren, weil das Innen manchmal zu laut wird.
Und wenn ich ehrlich bin: Ich kenne das auch von mir selbst.
Meine eigenen Wege, wieder bei mir anzukommen
Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass es für mich einen Unterschied gibt zwischen Dingen, die mich betäuben – und Dingen, die mich zurück zu mir bringen.
Wenn ich merke, dass innerlich alles voll wird, versuche ich heute bewusster hinzuschauen. Ich höre Musik, schreibe Gedanken auf oder nehme mein Notizbuch und beginne zu zeichnen. Manchmal sitze ich einfach da und knüpfe Knoten – etwas, das ich tatsächlich durch meine Tochter wieder für mich entdeckt habe.
Während meine Hände beschäftigt sind, passiert oft etwas ganz anderes in mir. Meine Gedanken werden ruhiger. Nicht, weil plötzlich alles gelöst wäre, sondern weil die Dinge Raum bekommen dürfen.
Und manchmal reicht genau das schon.
Was für mich echte Kraft bedeutet
Dieser Moment mit den Männern im Saal hat etwas in mir verändert. Er hat meine Sicht auf Kraft verändert.
Denn echte Stärke bedeutet für mich heute nicht Härte, Dominanz oder Kontrolle. Aber eben auch nicht emotionale Abwesenheit oder ständiges Funktionieren.
Echte Kraft ist präsent. Sie übernimmt Verantwortung für das, was in einem selbst passiert. Sie kann Gefühle zulassen, ohne darin unterzugehen. Sie muss nichts beweisen und nicht ständig laut sein, um spürbar zu werden.
Vielleicht hat mich dieser Schrei genau deshalb so tief berührt. Weil er mich daran erinnert hat, dass unter all den Rollen, Erwartungen und Schutzmechanismen noch etwas anderes existiert: etwas Echtes.
Ein letzter Gedanke
Dieser Abend sollte eigentlich nur ein gemütlicher Filmabend werden. Und am Ende hat er viel mehr ausgelöst, als ich erwartet hätte.
Vielleicht kennst du solche Momente auch. Momente, in denen plötzlich ein Gedanke auftaucht, ein Gefühl hochkommt oder etwas in dir sichtbar wird, obwohl du eigentlich nur abschalten wolltest.
Und vielleicht sind genau das die ehrlichsten Momente. Nicht die geplanten. Nicht die perfekt inszenierten. Sondern die, die uns unerwartet begegnen und uns kurz daran erinnern, was eigentlich in uns los ist.
Zu sehen, was da ist.
Zu erkennen, was fehlt.
Und zu spüren, was eigentlich möglich wäre.
Und vielleicht magst du mir ein kleines Stück von dir dalassen.
Ich habe eine Umfrage erstellt, weil ich dich – meine Leserin – gerne noch besser kennenlernen möchte. Was bewegt dich im Alltag? Welche Gedanken trägst du vielleicht schon länger mit dir, ohne sie auszusprechen?
Wenn du magst, teile das gern mit mir. Vielleicht entstehen genau daraus die nächsten Impulse.
Alles Liebe
deine Impulsstifterin 🩷