Was mich daran hinderte, ich selbst zu sein

Diese Frage kam mir vor einiger Zeit zwischen Wäsche zusammenlegen, dem Versuch, mir einen Kaffee warm zu machen, der längst wieder kalt geworden war und diesem Gefühl, noch an so viele Dinge denken zu müssen.

Plötzlich war diese Frage da: Was hat mich daran gehindert, ich selbst zu sein? Nicht irgendein Ich. Nicht eine bessere Version. Sondern ich. Die Frau unter all den Rollen. Die Mama, die Partnerin, die Organisatorin, die Mitdenkende, die Funktionierende. Und je länger ich darüber nachgedacht habe, desto klarer wurden die Antworten.


Ich war so sehr damit beschäftigt, für alle da zu sein

Als Mama verändert sich vieles. Ganz selbstverständlich rücken andere Bedürfnisse nach vorne. Da sind Kinder, die etwas brauchen. Ein Alltag, der getragen werden will. Termine, Mahlzeiten, Wäsche, Gefühle, Fragen, Sorgen, Organisation. Man wird gebraucht – oft gleichzeitig an mehreren Stellen.

Und weil Liebe so viel möglich macht, gibt man. Man trägt. Man plant. Man begleitet. Doch irgendwann habe ich gemerkt: Während ich für alle da war, war ich für mich selbst immer seltener da. Ich dachte, wenn Kinder da sind - ist das der ganz normale Alltag einer fürsorglichen Mama. Erst die anderen. Dann irgendwann ich. Nur dieses „irgendwann“ kam oft nicht.


Ich wollte alles richtig machen

Ich wollte eine gute Mama sein. Geduldig, liebevoll, präsent. Ich wollte meine Kinder sicher begleiten, ihnen Wärme geben und ihnen das Gefühl schenken, gesehen zu sein. Gleichzeitig wollte ich auch als Frau alles richtig machen. Im Alltag funktionieren. Beziehungen pflegen. Verlässlich sein. Nicht zu viel sein. Nicht zu wenig.

Ich habe mich oft gefragt, was wohl erwartet wird – und habe versucht, dem gerecht zu werden, noch bevor es jemand ausgesprochen hat. Also habe ich mich angepasst. An Abläufe. An Bedürfnisse. An Bilder davon, wie eine Mutter zu sein hat.

Heute weiß ich: Wer ständig versucht, alles richtig zu machen, verliert eher das Gefühl dafür, was sich überhaupt richtig anfühlt.


Ich hielt mein Funktionieren für Stärke

Ich war gut darin, mich zusammenzunehmen. Ich konnte weitermachen, obwohl ich müde war. Ich konnte ruhig bleiben, obwohl es in mir eng wurde. Ich konnte Ja sagen, obwohl etwas in mir Nein meinte. Ich hielt es für Stärke und Belastbarkeit.

Heute denke ich eher, es war mein Weg, um Konflikte zu vermeiden. Ein Versuch, alles am Laufen zu halten. Eine Strategie, damit niemand merkt, wie viel gerade eigentlich ist.

Und ja, manchmal brauchen wir solche Strategien. Aber wenn sie zum Dauerzustand werden, entfernen sie uns von uns selbst. Denn wer immer nur funktioniert, spürt sich irgendwann kaum noch selbst.


Ich habe meine eigenen Bedürfnisse ständig verschoben

Es waren nicht die großen Entscheidungen, die mich von mir entfernt haben. Es waren die vielen kleinen Momente. Wenn ich müde war und trotzdem weitergemacht habe. Wenn ich Ruhe gebraucht hätte und stattdessen noch schnell etwas erledigt habe. Wenn ich traurig war und es weggeschoben habe, weil keine Zeit dafür war. Wenn ich mir etwas gewünscht habe und sofort dachte: Jetzt nicht. Später vielleicht.

So verliert man sich nicht plötzlich. Man verliert sich Stück für Stück. Und oft merkt man es erst, wenn man sich irgendwann fragt, warum man sich selbst kaum noch kennt.

Erwartungen waren überall – auch in mir selbst

Natürlich gab es äußere Bilder. Wie eine Mutter zu sein hat. Wie entspannt sie wirken sollte. Wie liebevoll, organisiert, geduldig und dankbar. Doch die stärksten Erwartungen kamen irgendwann aus mir selbst.

Ich wollte allem gerecht werden. Ich wollte niemanden enttäuschen. Ich wollte stark wirken. Ich wollte zeigen, dass ich das schaffe. Und ohne es zu merken, wurde ich selbst zu der Person, die am meisten Druck gemacht hat.

Das zu erkennen war nicht angenehm. Aber erst mit dieser Erkenntnis konnte ich etwas verändern.


Ich habe mich nicht verloren – ich habe mich zurückgestellt

Das war einer der wichtigsten Gedanken für mich. Ich war nicht verschwunden. Ich war nicht kaputt. Ich war nicht falsch. Ich hatte mich nur sehr lange hinten angestellt. Meine Bedürfnisse. Meine Grenzen. Meine Wünsche. Mein Nein. Meine Freude. Meine Ruhe.

Alles war noch da. Nur zu leise geworden. Und das war tröstlich. Denn was leise geworden ist, kann wieder lauter werden. Was weggeschoben wurde, kann zurückkommen. Was vergessen wurde, kann erinnert werden.


Heute merke ich schneller, wenn ich mich selbst verlasse

Es gibt noch immer Tage, an denen ich in alte Muster rutsche. Tage, an denen ich wieder zu viel trage, zu schnell Ja sage oder mich selbst übergehe. Aber ich merke es früher.

Ich spüre schneller, wenn ich nur noch funktioniere. Wenn ich gereizt werde, obwohl ich eigentlich erschöpft bin. Wenn ich unzufrieden bin, obwohl ich in Wahrheit einfach Ruhe brauche. Dann schiebe ich gedanklich ein Stopp vor mich und halte kurz inne. Ich schaffe es nicht immer frühzeitig, aber es klappt immer besser.

Und manchmal reicht schon eine Frage: Was brauche ich gerade? Was ist mir zu viel? Wo lasse ich mich selbst wieder hinten anstehen? Diese Fragen holen mich dann zurück zu mir.

Was ich dir als Mama mitgeben möchte

Wenn du das liest und dich darin erkennst, dann möchte ich dir etwas sagen: Mit dir ist nichts falsch. Du bist nicht zu empfindlich. Nicht zu schwach. Nicht undankbar. Nicht überfordert, weil du versagt hast.

Du hast vielleicht einfach lange getragen, mitgedacht, funktioniert und dich selbst dabei zu oft vergessen. Dann darf heute etwas Neues beginnen. Du darfst dir wieder zuhören. Du darfst deine Grenzen ernst nehmen. Du darfst müde sein, ohne dich schuldig zu fühlen. Du darfst Raum brauchen. Du darfst Nein sagen. Du darfst wieder wichtig werden in deinem eigenen Leben.

Nicht gegen deine Familie. Sondern gemeinsam mit dir.


Unter uns

Ich schreibe das nicht, weil ich alles gelöst habe. Ich schreibe es, weil ich merke, wie viel sich verändert, wenn ich mich selbst nicht mehr ständig verlasse. Wenn ich mich mitnehme durch meinen Alltag. Wenn ich mich ernst nehme. Wenn ich nicht erst für alle sorge und dann hoffe, dass irgendwo noch etwas für mich übrig bleibt.

Und wenn du aus diesem Text nur einen Gedanken mitnimmst, dann vielleicht diesen: Du musst nicht erst jemand anderes werden, um wieder du selbst zu sein. Du darfst anfangen, dich wieder mitzunehmen.

 

Von Herz zu Herz,
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