Ich sehe dich.
Und mit dir sehe ich so viele andere.
Junge Männer, die in einer Zeit aufwachsen,
in der viel über sie gesprochen wird.
Über Männlichkeit.
Über Verantwortung.
Über Schuld.
Und oft klingt es,
als müsstet ihr all das tragen.
Als wärt ihr zuständig
für etwas, das lange vor euch begonnen hat.
Du wächst in einer Zeit auf,
in der Stärke widersprüchlich verstanden wird.
Einerseits sollst du sensibel sein,
reflektiert, offen.
Andererseits wird Stärke noch immer
mit Härte verwechselt.
Mit Durchhalten.
Mit Abhärten.
Mit Funktionieren.
Und manchmal auch mit Gewalt.
Ich sehe, wie schnell aus dem Satz
„Ein Mann muss stark sein“
ein stilles
„Ein Mann muss kämpfen“ wird.
Nicht unbedingt aus eigener Überzeugung.
Sondern, weil es erwartet wird.
Weil Systeme es brauchen.
Weil Macht Interessen verfolgt,
die weit weg sind vom einzelnen Menschen.
Männer werden in Konflikte geführt,
die nicht aus ihrem Inneren entstehen.
In Kriege, die nicht ihre sind.
Und das wird dann Stärke genannt.
Aber das ist keine Stärke.
Das ist Instrumentalisierung.
Ich wünsche mir für dich –
und für alle Söhne dieser Zeit –
eine andere Vorstellung davon,
was es heißt, stark zu sein.
Eine Stärke,
die innehalten kann.
Die Nein sagt,
wenn etwas sich falsch anfühlt.
Die sich nicht beweisen muss.
Du musst kein Symbol sein.
Nicht für alte Rollen.
Nicht für neue Ideale.
Nicht für politische Debatten.
Du bist kein Stellvertreter.
Kein Gegenentwurf.
Kein Beweis.
Du bist ein Mensch.
Mit Fragen.
Mit Zweifeln.
Mit einem eigenen Tempo.
Und das reicht.
Du darfst fühlen.
Wut.
Traurigkeit.
Überforderung.
All das gehört dazu,
wenn man in einer Welt lebt,
die laut und komplex ist.
Gefühle sind kein Zeichen von Schwäche.
Und kein politisches Statement.
Sie sind menschlich.
Und wenn alles zu viel wird –
die Erwartungen,
die Stimmen,
die Bilder davon,
wie du sein sollst –
dann darfst du stehen bleiben.
Du musst dich nicht sofort positionieren.
Nicht alles wissen.
Nicht alles richtig machen.
Du darfst beobachten.
Zuhören.
Deinen eigenen Standpunkt finden.
Ich bin da.
Nicht, um dich zu formen.
Nicht, um dir Antworten zu geben.
Sondern um dich zu begleiten.
Vielleicht ist das die neue Stärke dieser Zeit:
nicht mehr alles mitzutragen,
sondern bewusst zu wählen,
wofür man steht.
Nicht lauter zu werden.
Nicht härter.
Sondern klarer.
Und genau darin liegt so viel mehr Kraft,
als man euch glauben lassen will.
Deine ImpulsStifterin & Mama 💛