Wonach suchen wir eigentlich? - Vom Ankommen wollen und doch wieder weiterziehen

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Warum Gemeinschaft nicht für jede Familie stimmig ist

 

In den letzten fünf Jahren habe ich viel gesehen.

Nicht aus Konzepten und Visionsplänen.

Nicht aus Büchern.

Sondern mitten im Leben.

 

Ich habe mit meiner Familie in Gemeinschaften gelebt, die mal groß und mal kleiner waren.

Familien blieben für eine Weile.

Manche für Monate.

Manche nur für einen Winter.

Dann zogen sie weiter.

 

Es gab Zeiten, da waren wir ganz allein.

Still.

Weit.

Und überraschend ruhig und bei uns.

 

Und jetzt leben wir wieder in einer großen Struktur.

Viele Menschen.

Viele Leben.

Viele Wege.

 

Offiziell ist alles offen, locker, unverbindlich.

Und doch nehme ich etwas anderes wahr.

Nicht laut.

Nicht klar benannt.

Sondern leise – in dem, was zwischen den Worten mitschwingt.

 

Eine Sehnsucht.

Nach Verbindung.

Nach Einheit.

 

Und genau hier beginnt für mich eine wichtige Unterscheidung.

 


 

Suchen wir Gemeinschaft – oder Einheit?

 

Ich glaube, wir alle suchen nach Einheit.

Doch oft suchen wir sie am falschen Ort.

 

Diese Einheit meint nicht zuerst andere Menschen.

Sie meint uns selbst.

 

Ein inneres Einssein.

Dass Denken, Fühlen und Handeln nicht gegeneinander arbeiten.

Dass meine Wahrheit, mein Glaube und mein Tun sich nicht widersprechen.

Dass ich nicht etwas lebe, was ich innerlich längst verlassen habe.

 

Wenn diese innere Einheit fehlt, wird das Außen laut.

Dann hoffen wir, dass Gemeinschaft uns hält, ordnet, heilt.

Und überfordern sie damit.

 


 

Innere Einheit kommt vor äußerer Gemeinschaft

 

Innere Einheit ist still.

Sie braucht keinen Kreis.

Kein Konzept.

Keine Gruppe.

 

Sie zeigt sich darin,

 

  • dass ich meine Grenzen kenne

  • dass ich mich nicht dauernd erkläre

  • dass ich Nein sagen kann, ohne mich schuldig zu fühlen

 

Aus dieser inneren Klarheit heraus verändert sich alles.

Auch Gemeinschaft.

 

Sie wird dann kein Rettungsanker mehr.

Sondern ein Resonanzraum.

Die tiefe menschliche Sehnsucht: nicht allein stehen

 

Und gleichzeitig gibt es diese andere Ebene.

Eine, die wir nicht wegdenken dürfen.

 

Wir wollen nicht allein sein mit unserem Denken.

Nicht allein mit unseren Werten.

Nicht allein mit dem Glauben an eine friedlichere Welt.

 

Dieses Gefühl von:

Ich bin nicht die Einzige.

Wir sind viele.

 

Es ist kraftvoll.

Es schenkt Mut.

Es verbindet über Unterschiede hinweg.

 

Wenn Menschen mit einem gemeinsamen Ziel nebeneinander stehen,

tritt Herkunft in den Hintergrund.

Religion.

Lebensform.

Werte-Systeme.

 

Dann entsteht etwas Größeres.

Ein Kreis.

Ein starkes Band.

 

Und vielleicht verwechseln wir genau dieses Gefühl manchmal mit Gemeinschaft.

 


 

Gemeinschaft ist nicht gleich Einheit

 

Gemeinschaft meint Nähe im Alltag.

Absprachen.

Reibung.

Verantwortung.

Emotionale Präsenz.

 

Einheit meint etwas anderes:

ein gemeinsames inneres Ja.

Eine geteilte Haltung.

Eine Verbundenheit im Denken und Fühlen.

 

Man kann Einheit erleben, ohne in Gemeinschaft zu leben.

Und man kann in Gemeinschaft leben, ohne Einheit zu spüren.

 

Wenn wir diese Ebenen nicht unterscheiden, wird es eng.

 


 

Wenn Gemeinschaft sich eng anfühlt

 

Es gibt Menschen, die sich nach Verbindung sehnen

und sich doch in Gemeinschaften oft eingeengt fühlen.

 

Nicht, weil sie Nähe scheuen.

Sondern weil sie sich selbst nicht verlieren wollen.

 

Vielleicht kennst du dieses Gefühl.

Du bist Teil einer Gruppe.

Alles wirkt freundlich, offen, gut gemeint.

Und trotzdem zieht sich in dir etwas zusammen.

 

Dein Atem wird flacher.

Deine Gedanken leiser.

Ein Teil von dir tritt innerlich einen Schritt zurück.

 

Und irgendwann taucht diese Frage auf:

Warum fühlt sich Gemeinschaft für mich nicht nährend an?

 


 

Wenn Individualität keinen echten Platz hat

 

Was wir Gemeinschaft nennen, ist oft ein stiller Vertrag:

 

In vielen Gruppen gibt es feine Regeln.

Nicht ausgesprochen – aber spürbar:

 

So sprechen wir hier.

So fühlen wir hier.

So viel Raum darfst du einnehmen.

 

Für Menschen mit einer tiefen inneren Welt,

mit eigenen Rhythmen,

mit einem klaren inneren Kompass

wird das schnell eng.

 

Nicht laut.

Nicht offensichtlich.

Aber spürbar.

 

Dann beginnt etwas Leises:

Man sagt weniger.

Man zeigt weniger.

Man wird vorsichtiger.

 

Und das fühlt sich nicht nach Verbindung an.

Sondern nach Verlust.

Nähe braucht Freiheit

 

Echte Gemeinschaft entsteht nicht durch Nähe allein.

Sie braucht Freiheit.

 

Die Freiheit,

  • zu kommen und zu gehen

  • laut und leise zu sein

  • verbunden zu sein, ohne verfügbar sein zu müssen

 

Ohne diese Freiheit wird Gemeinschaft zu einem Raum von Erwartungen.

Und Erwartungen sind selten nährend.

 


 

Warum Familien dann wieder gehen

 

Viele Familien ziehen weiter.

Nicht, weil sie bindungslos sind.

Sondern weil sie müde werden.

 

Müde von unausgesprochenen Erwartungen.

Müde von emotionaler Nähe ohne klare Vereinbarung.

Müde davon, sich erklären zu müssen.

 

Unter all dem liegt oft ein tiefer Wunsch:

Ankommen.

Bleiben dürfen.

Zur Ruhe kommen.

 

Doch wenn Ziele nicht klar sind,

wenn Einheit gesucht wird, aber Gemeinschaft gelebt wird,

entsteht Unstimmigkeit.

 

Und irgendwann fühlt sich Gehen leichter an als Bleiben.

 


 

Alte Erfahrungen wirken weiter

 

Vielleicht hat dein System früh gelernt:

Dazugehören bedeutet, dich zurückzunehmen.

Angepasst zu sein.

Nicht zu viel zu fühlen.

Nicht zu viel zu fragen.

 

Dann reagierst du heute sehr fein auf jede Form von sozialer Enge.

Das ist kein Mangel.

Das ist Erinnerung.

Und Selbstschutz.

 


 

Eine ehrliche Einladung

 

Vielleicht dürfen wir uns fragen:

  • Suche ich Gemeinschaft oder Einheit?

  • Suche ich Nähe im Alltag oder Verbundenheit im Denken?

  • Was kann ich selbst halten – und was wünsche ich mir im Außen?

 

Diese Fragen trennen nicht.

Sie klären.

Für unsere Kinder. Für die Zukunft.

 

Wenn wir uns eine friedlichere Welt wünschen,

beginnt sie nicht in perfekten Gemeinschaftsmodellen.

 

Sie beginnt dort,

wo Menschen innerlich aufrecht stehen.

Wo sie mit sich im Einklang sind.

Und sich dann – aus dieser Einheit heraus – verbinden.

 

Nicht aus Angst vor dem Alleinsein.

Sondern aus Wahl.

Aus Haltung.

Aus Hoffnung.

 

Dann stehen wir nebeneinander.

Nicht gegeneinander.

Nicht übereinander.

 

Und vielleicht ist genau das die Einheit,

nach der wir uns sehnen.

 

Deine

ImpulsStifterin 💛